Vernachlässigte Krankheiten: Die Forschungslücke
Als vernachlässigte Armutskrankheiten bezeichnen wir die Krankheiten, die vor allem in ärmeren Ländern auftreten und zu deren Bekämpfung die Forschung und Entwicklung unzureichend ist. Zu diesen Krankheiten zählen Tuberkulose, Malaria, vierzehn von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spezifizierte Tropenkrankheiten sowie einzelne Aspekte der Prävention, Diagnose und Behandlung von HIV/Aids, wie spezielle Medikamente für Kinder oder Mikrobizide und Impfstoffe. Millionen Menschen – die zum Großteil in ärmeren Ländern leben – werden so vom medizinischen Fortschritt ausgeschlossen. Wir sind der Meinung, dass die Bedürfnisse dieser Menschen nicht länger vernachlässigt werden dürfen. Die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen können nur erreicht werden, wenn diese Forschungslücke geschlossen wird.
Handlungsbedarf
Die Forschungslücke für vernachlässigte Krankheiten hat zwei Hauptursachen: Pharmazeutische Unternehmen investieren erstens vorrangig in die Entwicklung von Produkten, für die es lukrative Absatzmärkte gibt. Und zweitens konzentriert sich die öffentliche Forschungsförderung ebenfalls auf die Krankheiten der reichen Länder. Die Folge ist, dass von mehr als 1.500 medizinischen Wirkstoffen, die zwischen 1975 und 2004 neu entwickelt wurden, nur 21 für vernachlässigte Krankheiten, inklusive Tuberkulose und Malaria, bestimmt waren. Trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren gibt es nach wie vor eine gravierende Forschungslücke bei Krankheiten, an denen global gesehen die meisten Menschen leiden oder sterben. Der Druck wächst, auch Forschungsergebnisse, die durch öffentliche Mittel finanziert wurden, kommerziell zu verwerten. Dies trägt ebenfalls zur mangelnden Verfügbarkeit von Medikamenten, Impfstoffen und Diagnostika für vernachlässigte Krankheiten bei. Die Bundesrepublik Deutschland beteiligt sich im internationalen Vergleich nur weit unterdurchschnittlich an den Forschungskosten. Als Beispiel sei hier die Tuberkulose-Forschung genannt, in die die Bundesrepublik Deutschland 2007 nur 7,5 Millionen. Euro investiert hat, während der insgesamt benötigte Bedarf bei 1,5 Milliarden Euro liegt. Zum Vergleich: Die USA gaben 136,8 Millionen Euro für die TB-Forschung aus. Selbst unter Berücksichtigung der EU-finanzierten Forschung und der größeren Wirtschaftskraft ist der US-Beitrag relativ gesehen rund drei mal so hoch.
Politische Rahmenbedingungen
Die Mitgliedsstaaten der WHO haben im Mai 2008 den Aktionsplan „Global Strategy on Public Health Innovation and Intellectual Property“ verabschiedet, der diese Forschungslücke schließen soll. Zu den darin genannten Einzelmaßnahmen gehören der Ausbau der Forschungsförderung, die Schaffung neuer Anreize für die kommerzielle und nicht-kommerzielle Forschung (z.B. Forschungsprämien) sowie die Unterstützung neuer, nicht-kommerzieller Forschungsmodelle (z.B. Produktentwicklungspartnerschaften). Zur selben Zeit erteilte der Bundestag der Bundesregierung den Auftrag, ein „breites Spektrum von Plattformen“ zu fördern, um die Forschung zu den Gesundheitsbedürfnissen von Menschen in ärmeren Ländern zu verbessern. Die Verantwortung hierfür wurde dem Bundesforschungsministerium (BMBF) übertragen. Das BMBF hat seither einige Schritte unternommen und schon existierende Förderungsmechanismen gestärkt, wie das EU-Programm „European and Developing Countries Clinical Trials Partnership“ (EDCTP). Diese Maßnahmen sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Daher fordern wir als Organisationen und Einzelpersonen aus Zivilgesellschaft, Politik, Medizin und Forschung ein Umdenken! Um vernachlässigte Krankheiten nachhaltig zu bekämpfen, brauchen wir mehr Forschungsinvestitionen, und es müssen neue Förderungsmodelle eingesetzt werden.
Deutschland erhebt den Anspruch, eine „Vorreiterrolle“ im Bereich von Forschung und Entwicklung einzunehmen. Deutschland sollte sich daher seiner Verantwortung stellen! Hier sind die Bundesregierung, insbesondere das Forschungsministerium, und der Bundestag gefragt.
Forschungslücke „vernachlässigte Armutskrankheiten“ schließen: Forschung fördern
- Erhöhung der Forschungsmittel.
- Schaffung eigener Budgetlinien mit zweckgebundenen Mitteln.
- Keine Vermischung mit „seltenen“ Krankheiten, die in Industrieländern vorkommen.
- Unterstützung klinischer Forschung.
- Stärkere Unterstützung der Institute, die schon mehr in diesem Bereich arbeiten.
- Aufstockung von Programmen der DFG und der Gemeinschaften der außeruniversitären Forschungsinstitute, bis hin zur Neugründung von Instituten.
Product Development Partnerships (PDPs) fördern
- PDPs als wichtiges Forschungsmodell für die nichtkommerzielle Forschung müssen gefördert werden.
- Eine eigenständige Budgetlinie zur institutionellen Förderung von PDPs erhöht Transparenz und Planungssicherheit.
- Die Förderung darf sich nicht auf deutsche Forscher/innen oder Institutionen beschränken, da PDPs international agieren.
- Bei PDP-Forschung entstehende geistige Eigentumsrechte dürfen den Zugang zu den entwickelten Produkten nicht behindern.
Neue Anreizmodelle: Prämien
- Forschungsprämien sind ein mögliches Alternativmodell für neue Forschungsanreize.
- Förderung von Pilotprojekten, z. B. Tuberkulose-Schnelltest.
- Prämierte Projekte sollten als Allgemeingut zur Verfügung stehen.
Zugang als wichtige Rahmenbedingung
- Produkte müssen allen Menschen zugänglich sein. Deshalb sollte die Generika-Herstellung Priorität haben.
- Wichtige Modelle dafür sind nicht-exklusive Lizenzen, offene Lizenzen, Equitable Licensing, Open Source Modelle, Festsetzung von Maximalpreisen.
- Die bisherigen Vorgaben einer gewinnorientierten Patentverwertung für öffentliche Forschung sollte reformiert werden, um mehr nicht-kommerzielle Projekte zu ermöglichen und den Zugang auch für arme Länder zu sichern.