Nichtregierungsorganisationen fordern Forschungsinvestitionen in vernachlässigte Krankheiten
Am Welt-Tuberkulose-Tag, dem 24. März 2010 haben die drei Nichtregierungsorganisationen Ärzte ohne Grenzen, die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) und der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) zur Konferenz über neue Modelle zur Förderung von Forschung für armutsbedingt vernachlässigte Krankheiten eingeladen. Experten aus Politik, Forschung und Zivilgesellschaft diskutierten mit dem Publikum angeregt über verschiedene Möglichkeiten, wie die Forschung im Bereich dieser Krankheiten gestärkt werden kann. Die drei Organisationen präsentierten auf der Konferenz ihren ’Aufruf zum Handeln’. Hierin fordern die Organisatoren die Bundesregierung und das Bundesforschungsministerium (BMBF) auf, mehr in die Erforschung von armutsbedingt vernachlässigten Krankheiten zu investieren.
Millionen Menschen sterben jährlich in ärmeren Ländern an Tuberkulose, Malaria, HIV/Aids und vernachlässigten Tropenkrankheiten[1]. „Diese Krankheiten sind vermeidbar und behandelbar, es werden jedoch kaum Investitionen in Forschung und Entwicklung getätigt“, bekräftigt Dr. Sonja Weinreich, Leiterin der Fachstelle Gesundheit beim EED. Oftmals existieren nur unzureichende oder gar keine Präventionsmethoden, Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente. „Die Bundesregierung muss zu ihrer Verpflichtung stehen und deutlich mehr in die Forschung von armutsbedingt vernachlässigten Krankheiten investieren“, fordert daher die Geschäftsführerin der DSW Renate Bähr.
Prof. Dr. Kaufmann (Direktor Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie) erklärte in seinem Einführungsvortrag, dass man in den sechziger Jahren davon ausging, dass die wichtigsten Instrumente zur Bekämpfung von Tuberkulose vorhanden seien. Man hatte einen Impfstoff, ein Diagnoseinstrument und Medikamente entwickelt. Die heutige Ausbreitung der Tuberkulose biete jedoch ein erschreckendes Bild.
Tuberculosis Deaths
www.worldmapper.org
Dies sei Beweis dafür, dass ein großer Fehler begangen wurde. Die Krankheit sei von den Radarschirmen der Pharmaindustrie, aber auch vieler anderer Organisationen verschwunden. Man habe nicht weitergeforscht und entwickelt, während der Tuberkulose-Erreger nicht geschlafen hat und sich veränderte! Knapp 10 Millionen Menschen stecken sich jedes Jahr mit dem Erreger an, etwa 2 Millionen Menschen sterben jährlich an der Krankheit. Die Therapie sei gut, aber sie wirke nicht mehr überall, denn inzwischen gäbe es multi-resistente und extensiv resistente Erreger (XDR-TB) gegen die so gut wie kein Kraut gewachsen sei. Etwa 50 Millionen der Menschen seien bereits durch den multi-resistenten Erreger infiziert, die meisten von ihnen in Asien und in Osteuropa.
Prof. Dr. Kaufmann (MPII)
Prof. Dr. Kaufmann betonte, dass Tuberkulose ein Beispiel sei für Krankheiten, die jahrlang aus dem Fokus geraten sind. Für die Forschung über Krankheiten, welche ärmere Länder unverhältnismäßig belasten, werden jedoch nicht einmal 5 Prozent der weltweiten Kosten von 150-200 Milliarden US$ für Gesundheitsforschung aufgebracht (Quelle: G-Finder). Für Forschung für vernachlässigte Krankheiten würden nur 3 Milliarden US-Dollar von Industrie und öffentlicher Hand aufgewendet. Dabei seien die USA und die Europäische Union die „Länder“, die am meisten Gelder ausgeben würden. Deutschland sieht man jedoch in dieser Aufstellung der Geber nicht, was sehr bedauerlich sei. Auch die Tuberkuloseforschung ist von der deutschen Regierung unterfinanziert.
Prof. Dr. Kaufmann forderte von der deutschen Bundesregierung, gezielt zu fordern und fördern. Dazu sei eine Förderung öffentlicher und privater Partnerschaften, wie Product Development Partnerships nötig, aber auch spezielle Push and Pull Mechanismen, über die noch später diskutiert werde. Gefordert werden sollte auch der globale Zugang zu den entwickelten Produkten, also sei ein erschwinglicher Preis nötig. Weiterhin seien ein neues Lizenzdenken und kreative Anreize (wie das advance market committment) nötig.
Zusammenfassend betonte Prof. Dr. Kaufmann für die Tuberkulose, dass erstens Medikamente gebraucht würden, die neue Angriffspunkte haben und gegen multi-resistente Erreger wirksam sind, zweitens, dass neue Medikamente benötigt würden, die gegen ruhende Bakterien wirken, um die Behandlungszeiträume gegen die Tuberkulose zu verkürzen und drittens müssten Interferenzen mit der HIV/Aids Behandlung berücksichtigt werden.
Vorstellung des Positionspapiers und des Aufruf zum Handeln:
Die Initiatoren des Aufrufs richten ihre Forderungen an die Bundesregierung und insbesondere an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Alleine die Tatsache, dass die Organisatoren klar das BMBF als Adressaten benennen können, sei ein enormer Fortschritt. Noch vor ein paar Monaten war unklar, wer für diese Aufgabe verantwortlich ist – das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das Bundesministerium für Gesundheits (BMG) oder das BMBF. Nichtregierungsorganisation aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit hätten dies kritisiert, doch inzwischen sei klar, dass das BMBF die Federführung habe.
Katharina Scheffler von der DSW präsentierte die Kernforderungen des Aufrufs zum Handeln der Nichtregierungsorganisationen:
- Deutschland muss stärker zur Schließung der Forschungslücke im Bereich der vernachlässigten Armutskrankheiten beitragen. Der internationale Vergleich zeigt, dass sich Deutschland auf diesem Gebiet bisher unzureichend engagiert. Dazu ist eine Erhöhung der Forschungsmittel nötig.
- Product Development Partnerships (PDPs) sind ein wichtiges, nicht-kommerzielles Instrument für die Forschung gegen vernachlässigte Krankheiten. Diese sollten durch die Etablierung einer eigenen Budgetlinie gefördert werden.
- Neue Anreizmodelle, insbesondere in Form von Forschungsprämien, sind eine mögliche Alternative, um einen Anreiz für die Forschung auf diesem Gebiet zu schaffen.
- Die gewonnenen Ergebnisse und Produkte müssen allen Menschen zugänglich sein.
Katharina Scheffler (DSW)
Die Forderungen und ihre Unterstützer können aktuell unter www.aufruf-zum-handeln.de abgerufen werden.
Modelle zur Forschungsförderung
1. Die Forschungsprämie
Oliver Moldenhauer von Ärzte ohne Grenzen stellte in seinem Vortrag das Modell der Forschungsprämie als einen Mechanismus vor, mit dem Forschungsanreize geschaffen werden könnten. Beispielsweise bräuchte Ärzte ohne Grenzen ein Diagnoseverfahren für Tuberkulose, das so einfach wie ein Schwangerschaftstest sei. Es müsse direkt am Behandlungsort, also auch außerhalb von großen Kliniken, einsetzbar sei, für HIV-positive Patienten und Kindern zuverlässige Ergebnisse liefern sowie schnell funktionieren und bezahlbar sein. Bisher gäbe es diesen Test nicht und bisherige Forschung konzentrierte sich zu sehr auf High-Tech-Labore und den Standards von westlichen Ländern. Diese Forschungslücke sei ein Beispiel, bei der die Forschungsprämie als Anreizmechanismus funktionieren könne. Bangladesch, Bolivien, Barbados und andere Länder hätten hierzu einen konkreten Vorschlag gemacht: eine Ausschreibung von einer großen Geldprämie (50 Mio. Euro) als Anreiz zur Innovation. Was sonst das Patentsystem bei profitablen Krankheiten leiste, könnte hier durch die Forschungsprämie ersetzt werden. Wichtig sei, dass der Gewinner dieser Prämie das Ergebnis frei zugänglich mache und Lizenzen für alle relevanten Patente erteilen müsse. Beispiele für funktionierende Forschungspreise seien der X-Prize. Auch Robert Koch habe damals einen Preis für den Sputum-Test zur Diagnose der Tuberkulose erhalten.
Oliver Moldenhauer (MSF)
Zur systematischen Einordnung lassen sich zwei verschiedene Formen der Forschungsförderung benennen: Die Push-Förderung ist die Förderung von Wissenschaftlern durch eine Art Kostenerstattung. Hier gebe es sehr gute Instrumente wie die Produktentwicklungspartnerschaften oder auch die wissenschaftlichen Forschungsinstitute wie das Bernhard-Nocht-Institut. Der Forscher erhält Geld, unabhängig davon ob er erfolgreich ist oder nicht.
Die Pull-Förderung beinhaltet einen Anreiz, damit eigene Investitionen ein Forschungsvorhaben finanzieren. Normalerweise ist das Patensystem der Anreiz bei Krankheiten, die vor allem in reichen Ländern vorkommen, da es einen wirtschaftlichen Anreiz liefere und für private Gewinninteressen interessant sei. Aber bei vernachlässigten Krankheiten funktioniere das Patentsystem nicht und daher könnte der Forschungspreis eine Alternative bieten. Die Vorteile der Forschungsprämien seien ein venture-capital, das entstehe, mit denen Innovationskraft von außen genutzt werden könne. Es könnten sich Akteure engagieren, an die man sonst nicht denke. Das Modell der Forschungsprämie könnte gut mit anderen Anreizen zur Kooperation verknüpft werden, indem zum Beispiel Teile der Prämie ausgezahlt werden, wenn Teilergebnisse publiziert würden.
2. Die Produktentwicklungspartnerschaften
Vertreter der International AIDS Vaccine Initiative (IAVI), der International Partnership for Microbicides (IPM), der Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi) und der TB Alliance stellten das Konzept der Produktentwicklungspartnerschaften vor.
Thomas Mertenskötter von IPM stellte die Problematik dar, auf die Produktentwicklungspartnerschaften (PDPs) reagieren. So führe die fehlende Kaufkraft von Menschen in ärmeren Ländern dazu, dass hohe Preise für Medikamente nicht verlangt werden können, Margen nicht erzielbar seien und so auch keine Investitionen für Medikamente für diese vernachlässigten Krankheiten durch die Pharmaindustrie getätigt werden würden. Das Forschungsmodell der PDPs sei eine neue Form der Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, die es seit etwa 10 Jahren gebe. Das gemeinsame Ziel sei die Bereitstellung von medizinischen Gütern für ärmere Länder. Sie arbeiteten nicht profit-orientiert. Kollaboration zwischen den verschiedenen Partnern seien hier gewünscht und zwar auch mit den lokalen nationalen Institutionen. Jedoch seien Produktentwicklungspartnerschaften auf öffentliche Finanzierung angewiesen, da der Markt keine Anreize biete. Catrin Schulte-Hillen von DNDi betonte, dass es neben den drei großen vernachlässigten Krankheiten, weitere besonders vernachlässigte Krankheiten gebe.
Nadia Rozendaal (IAVI), Dr. Thomas Mertenskötter (IPM), Sonja Weinreich (EED)
Ein Beispiel sei die Schlafkrankheit, an der jährlich etwa 50-70.000 Menschen erkranken. Etwa 20 Produktentwicklungspartnerschaften engagieren sich im Kampf gegen die vernachlässigten Krankheiten und konzentrieren sich dabei auf ganz spezielle Bereiche. Dies sei auf der einen Seite ein Krankheitsbereich, wie Tuberkulose oder die Durchfallerkrankungen und zum zweiten ein Bereich der Instrumente, das heißt der Impfungen. Mikrobizide, Medikamente oder Diagnostikmittel. Dabei stellen Produktentwicklungspartnerschaften eine Pipeline her, das heißt sie arbeiteten daran, kurzfristig Produkte zu verbessern und langfristig neue Instrumente bereitzustellen. Ein Beispiel für kurzfristig erlangte Erfolge sei hier die Kombination von zwei existierenden Malariamedikamenten durch DNDi, die jetzt in einer Tablette erhältlich seien. Gleichzeitig arbeiten PDPs über Jahre hinweg in ihrem Bereich an der Erforschung von neuen Produkten, zum Beispiel an einem Medikament zur Behandlung der Schlafkrankheit, das nicht toxisch ist. Es sei also ganz wichtig, dass Finanzierung langfristig bereitgestellt werde.
Nadia Rozendaal von IAVI erläuterte am Beispiel von IAVI, dass PDPs mit vielen Partnern zusammenarbeiten, um Produkte für Menschen in ärmeren Ländern und ihren Krankheiten zu entwickeln. IAVI habe 225 Partner, wie zum Beispiel Universitäten, Forschungsinstitute, die Pharmaindustrie und zivile und staatliche Akteuren. Gleichzeitig sei IAVI in drei Forschungsgremien, in denen sich Forscher der ganzen Welt aus verschiedensten Institutionen bestimmten Forschungslücken widmeten. Ein entscheidender Vorteil der PDPs sei es, dass Produktkandidaten regelmäßig aus der Grundlagenforschung herausgefiltert würden, um sie dann in der klinischen Forschung zu evaluieren. Die Einbeziehung von lokalen Forschern und Institutionen in ärmeren Ländern sei hier ebenfalls gewährleistet und Wissenstransfer werde unterstützt. Im Falle von IAVI wurden etwa 1000 wissenschaftliche Mitarbeiter ausgebildet, um klinische Studien vor Ort durchführen zu können. Zu den Aufgaben der PDPs gehöre es, Gelder zu mobilisieren und sie an Kooperationspartner mit spezifischem know-how weiterzuleiten. Auch die Pharmaindustrie sei ein wichtiger Partner der mobilisiert und mit dem kooperiert werden müsse. Internationales Portfoliomanagement bedeute, dass Produktkandidaten international gemanagt werden und das Gelder für die Weiterentwicklung von Produkt-Kandidaten, die nicht vielversprechend sind, sofort umgeschichtet würden, um Effizienz zu gewährleisten. Weiterhin sei es wichtig, dass Produkte bedarfsgerecht sind und der armen Bevölkerung zugänglich gemacht werden (non-profit-Gedanken)
Podiumsdiskussion zu Handlungsvorschlägen und Politik mit
Anette Hübinger (MdB, CDU), Prof. Dr. Martin Neumann (MdB, FDP), Dr. Petra Sitte (MDB, Die Linke).
Prof. Dr. Martin Neumann (MdB)
Angesprochen auf fehlende Instrumente für die Förderung von Forschung für vernachlässigte Krankheiten betonte Anette Hübinger (CDU), dass es im Bundesministerium für Bildung und Forschung auf Initiative des Forschungsausschusses der letzten Legislaturperiode eine Internationalisierungsstrategie gäbe, bei der er es um Forschungsförderung vor Ort und in ärmeren Ländern ginge. Hier heiße es, deren Probleme anzupacken. Dies sei ein Lernprozess und erste Schritte müssen getan werden – dazu sei die Identifizierung von Partnern und Themen Voraussetzung. Oft wären hier die Forschung im Bereich Energie und Klima von den Partnern vor Ort gewünscht. Gesundheit wäre hier oft nachrangig und das bedeute, dass auch hier noch Arbeit nötig wäre. Im BMBF denke man aber nicht nur über die Förderung von Strukturen nach, sondern auch über die Förderung von PDPs. Annette Hübinger betonte, dass allerdings auch eine Verzahnung der verschiedenen Initiativen und Projekte notwendig sei. Das heißt, dass auch die Entwicklungszusammenarbeit mit einbezogen werden müsste, wenn Forschung gefördert werde. Denn genau so wichtig wie Forschung, seien Anschlussprojekte und die Verarbeitung und Weiterverbreitung des Wissens, was hier generiert würde.
Angelina Hermanns (Moderation), Petra Sitte (MdB)
Prof. Dr. Martin Neumann (FDP) stellte dar, dass ein Schwerpunkt des Haushaltes die Forschung sei. Dabei werden überregionale Forschung und interdisziplinäre Forschungsverbünde sowie Mobilitätsstipendien in den Vordergrund gestellt. Die Förderung von Kapazitäten vor Ort sei ebenso elementar, wie die Bereitstellung von sinnvollen Förderungsinstrumenten. Prof. Martin Neumann werde sich gerne engagieren, um die verschiedenen Förderungsinstrumente zu bewerten und hier zu einer Entscheidung zu kommen.
Dr. Petra Sitte erklärte, dass es durch Einflussnahme verschiedener Akteure gelungen sei, im Bereich der seltenen Krankheiten einen Schwerpunkt zu bilden und diesen mit 31 Mio. Euro zu bezuschussen. Petra Sitte glaube, dass mit einem ähnlichen oder größeren Beitrag für vernachlässigte Krankheiten viel bewirkt werden könne. Andere Länder würden es hier Deutschland in der Förderung von PDPs vormachen. Etwa 10 Prozent der aufgewachsenen Summe im Haushalt für die Pharmainitiative könnte für vernachlässigte Krankheiten eingesetzt werden. Dies könne im Bereich der Grundlagenforschung für Universitäten oder auch für außeruniversitäre Organisationen bereitgestellt werden.
[1] 14 von der WHO aufgelistete Krankheiten wie die Schlafkrankheit, Chagas, Buruli Ulkus, Flussblindheit etc.







